Samstag, 6. Februar 2010

VON PIONIEREN UND VERSTECKTEN KRÄFTEN




Es war ein Neubeginn in vielerlei Beziehung, denn die Vorbesitzer hatten dem Garten gegenüber eine eher liberale Einstellung gepflegt:


Zum Fuß dieser wunderschönen Akazie wuchsen zwar orangefarbenen Clivias, umgeben von einer niedrigen Einfassung von Eisenbahnbohlen. Aber die wilden Erdbeeren stellten sich als robuster Bodendecker heraus, dessen kleine Früchte nicht zum Verzehr geeignet sind - es sei denn, man ist ein Vogel..oder eine Schnecke...


Und einzige Nachbarin der Akazie im vorderen Gartenbereich war eine hohe, schlanke Palme am Ende der Einfahrt - einsame Wächterin dieses zweiten Eingangs.


Pioniergeist war gefragt; auch dann, wenn gerölliger Boden das Bearbeiten erschwerte. Und eines Tages stieß mein Spaten nicht auf Geröll, sondern auf Bauschutt. Beim Bau des Hauses hatte man einen Teil des Abfalls auf diese Weise eben schnell mal "entsorgt". In beiden Fällen mußte dann der Boden ausgehoben und mit guter Gartenerde ersetzt werden.


Ich stellte einen Mann ein, der mir einmal pro Woche bei diesen schwereren Gartenarbeiten zur Seite stehen sollte. George war eigentlich Bauarbeiter gewesen, nun schon "etwas älter", und faszinierte besonders, wenn er lächelte: Dann wurde ein einziger, nikotingelber Zahn sichtbar. Ich hatte nie das Herz, ihn nach den übrigen verbliebenen Zähnen zu fragen; jedenfalls war keine Behinderung festzustellen, wenn es um das sorgfältige Abnagen kleiner Hühnerknochen ging!


George war stolzer Zulu. Er sprach Afrikaans, etwas Englisch, und natürlich Zulu - und sicher auch noch die eine oder andere der schwarzen Sprachen hier. Das war bemerkenswert, hatte er doch - wie fast alle seiner Generation - kaum Schulbildung erfahren. Über manches sprach er gerne - über anderes nicht. So z.B als er seinen Weihnachtsurlaub nach eigenen Gutdünken verlängerte.


Die Weihnachtszeit ist hier die eigentliche Urlaubszeit; Firmen nehmen ihren Jahresurlaub und die Schulen schließen ihre Pforten schon Anfang Dezember. Erst so etwa Mitte Januar geht dann alles wieder seinen gewohnten Gang.


Allerdings nicht für George. In jenem Jahr tauchte er auch nicht Ende Januar auf. Februar kam und ging, und ich machte mir große Sorgen um ihn, verbrachte oft Zeit am Telefon, um Verwandte oder Kontakte von ihm zu erreichen. Umsonst. Mitte März tauchte er wieder auf. Auf meine Fragen reagierte er sehr ausweichend, und ich beließ es dabei. Mir blieb auch nichts anderes übrig.


Bemerkenswert an George war seine Stärke. Anfangs sorgte ich mich öfters, ob ich ihn mit einer bestimmten Aufgabe auch nicht zu sehr strapazierte, war er doch schon lange nicht mehr "taufrisch". Dann sorgte ein kleines Erlebnis dafür, daß ich ihm anstehende Arbeiten entspannter übergeben konnte:


Ich wollte das Beet unter der großen Akazie verändern und bat George, mir dabei zu helfen, die Eisenbahnbohlen zur Seite zu tragen. Man hatte für den Bau der Eisenbahntrassen schwerstes Holz verwand; in denke, in Deutschland war das ähnlich. Ich konnte jene Bohlen kaum bewegen. George bedeutete mir, zur Seite zu treten; ich war ihm im Weg. Er stellte das Holzstück auf den Kopf, tastete kurz nach einem guten Griff - und im nächsten Moment lag es auf seiner Schulter! Ich war sprachlos vor Staunen - was George mit einem kleinen, verständnisvollen Lächeln quitierte. Man weiß doch, wie schwach diese weißen Madams sind.....


Wie eine jener Pioniersfrauen fühlte ich mich auch, als ich in einem dunklen Winkel des Gartens plötzlich eine Canna-Blüte entdeckte. Das beinahe auberginefarbene Blattwerk hatte mich schon eine Weile fasziniert; die Staude war entstanden, nachdem ich mit einer regelmäßigen Bewässerung begonnen hatte. Sicher hätte ein Gärtner, seines Namens würdig, die Canna alleine vom Blatt her erkannt, trotz der ungewöhnlichen Färbung. So vieles war zu lernen....


Diese Canna-Blüte nun leuchtete in einer höchst ungewöhnlichen Farbkomposition: Das Innere der Blüte begann in einem sanften Gelb, ging dann über in zartes Aprikose, wobei die äußeren Blütenränder dann wieder Gelb sein konnten - als hätte ein Farbpinsel vorsichtig darüber gestrichen. Sie konnten sich aber auch in Aprikose öffnenen, diesen Ton beibehalten - oder in Gelb übergehen. Die Farbvariationen kannten keine Grenzen, wie ich im Laufe der folgenden Jahre feststellen sollte. Während all der früheren Jahre in diesem Winkel der Erde hatte ich nie eine solche Canna gesehen.


Cannas sind Sonnenanbeterinnen. Der bisherige Standort war zu dunkel gewesen, und auch bei guten Regenfällen hätten sie nur Blattwerk hervorgebracht. Jedoch geht meine Vermutung dahin, daß der Erbauer des Hauses sich durchaus dieser Tatsache bewußt war - daß jedoch jener Teil des Gartens damals etwas Sonne abbekommen hatte. Erst im Laufe der Jahre waren die Hecken und kleinen Bäume, war eben dieser Schattenbereich entstanden.


Ich fand für jene Canna ein freundlicheres Plätzchen. Inzwischen hat sie viele Nachkommen....






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