Donnerstag, 13. Mai 2010

MÖCHTE JEMAND MITFAHREN?

Fehlende Infrastruktur, aber auch Armut, veranlassen Männer und Frauen jeden Alters an Straßenrand oder Verkehrsknotenpunkten auf eine Mitfahrgelegenheit zu warten. Eine Situation, mit der ich seit den ersten Jahren im südlichen Afrika bestens vertraut bin.

Nach unserer Rückkehr vor einigen Jahren war längere Zeit ein altersschwacher Pick-up (landesüblich “Bakkie” genannt) unsere einzige Fahrgelegenheit.  An jenem Tag war mein Fahrziel eine Gärtnerei, die außerhalb der Stadt liegt.  Ich näherte mich einer Straßenkreuzung, und mein Blick fiel auf eine kleine Gruppe ärmlich gekleideter Männer, in lebhafte Unterhaltungen vertieft.  Die Ampel zeigte Rot. Das geräuschvolle Rattern des betagten Bakkie-Motors übertönte wie üblich das sanfte Schnurren der anderen wartenden Fahrzeuge, und zog auch gleich die Aufmerksamkeit jener Männer auf sich.


'Anhalter,' mutmaßte ich, 'und auf der Ladefläche des Bakkie hätten einige von ihnen Platz.....aber ich fahre stadtauswärts, und die Gegend ist mir unbekannt.  Es ist sicherer, wenn ich nur eine Person mitnehme.’

Die Ampel zeigte Grün; ich fuhr über die Kreuzung und hielt auf den Grasstreifen zu, der sich längs der linken Fahrbahn entlangzog.. Noch bevor das Fahrzeug zum Stillstand gekommen war, hatten einige der Männer es umringt. “Mein Name ist Khumalo, Ma’am......Sie nehmen mich mit, nicht wahr?....Kann ich schon hinten aufsteigen?” So und ähnlich tönte es von allen Seiten. Ich bedauerte es sehr, dass ich nicht alle zum Mitfahren einladen konnte, aber  es schien mir ratsam, an meiner Entscheidung festzuhalten.

Etwas abseits der lärmenden kleinen Schar entdeckte ich einen schmächtigen, schon etwas älteren Mann. Offensichtlich war es ihm nicht gelungen, sich nach vorne durchzudrängeln.  Nun - das sollte nicht sein Nachteil sein! Ich deutete auf ihn: “Wollen Sie mitkommen? Ich kann nur Einen mitnehmen!” Bereitwillig machte man ihm Platz; mit einem Ruck hatte er die widerstrebende und ächzende Bakkie-Tür aufgerissen und war eingestiegen.  (Morgen geht's weiter!)

Kommentare:

  1. Liebe Clara,
    das Leben in Südafrika unterscheidet sich doch sehr von unserem hier in Deutschland - das dachte ich gerade, als ich Deine Geschichte las. Hierzulande würde eine einzelne Frau niemals auch nur einen Gedanken daran verschwenden, den Wagen für eine ganze Gruppe Männer anzuhalten. Ich übrigens auch nicht ;-)! Ich finde das ganz schön mutig von Dir! Bin schon sehr gespannt, wie die Geschichte weitergeht. Liebe Grüße, Gartenliesel

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  2. Liebes Gartenliesel -
    Sehr berechtigt, Dein Vorbehalt! Diese Einstellung ist auch hier im Großen und Ganzen üblich.
    Ich denke, auch in dieser Beziehung hat vieles mit Erfahrungen zu tun, die man so gemacht hat...besonders beeindruckt war ich z.B., als ich als Teil eines Projekts Kleidung an kongolesische Flüchtlinge verteilte. Ich bin 1,72 m groß - aber diese Kerls überragten mich um einiges, und es waren derer viele...dennoch befolgte jeder von ihnen auch meine kleinste Anordnung, benahmen sich ausgesprochen höflich und zurückhaltend. Denke, daß dies ein Schlüsselerlebnis für mich war...
    (P.S. - wären wir die einzigen auf jener Kreuzung gewesen,hätte ich VIELLEICHT anders gehandelt...)
    Gruß,
    Clara

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