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Freitag, 5. März 2010

JETZT KENNE ICH SIE!


Julia kam einmal im Monat, um mir bei der Hausarbeit zu helfen. Ich hatte mich etwas verspätet und befand mich nun auf dem Weg nach Hause. Julia war meist sehr pünktlich, und ich wollte sie nicht unnötig warten lassen. So beschleunigte ich etwas, nachdem ich in unsere Straße eingebogen war - um gleich darauf wieder etwas abzubremsen. Dieser Hut! Helles, feines Gewebe und geschmückt mit einer leuchtend-roten Organzablüte; groß genug, um seine Aufgabe, gegen die gleißende Sommersonne zu schützen, auch erfüllen zu können....

Ein Blick in den Rückspiegel bestätigte, daß ich eben an Julia vorbeigerauscht war.
 Sie saß auf dem weichen Rasenstreifen neben der Fahrbahn, die Beine gleichmäßig nach vorne ausgestreckt, Rücken gerade, und unterhielt sich angeregt mit der Frau neben ihr. Diese saß in ähnlicher Position; ihren Kopf schmückte ein kunstvoll geschlungenes buntes Tuch. Es war eine lebhafte Konversation - ein Lachen, Nicken; Augen blitzten. Zwei Freundinnen, die sich zufällig über den Weg gelaufen waren.

Ich war etwas erleichtert; Julia hatte die Wartezeit gut nutzen können.  Im Auto sprach ich sie darauf an: "Wie lange habt ihr euch denn nicht gesehen?"  Sie schaute mich fragend an. "Na ja - du und deine Freundin von eben!" erinnerte ich sie.  Sie schüttelte den Kopf, und der Hut nahm seine kleinen Schwingungen von vorhin wieder auf.  "Aber nein", erklärte sie, "diese Frau ist nicht meine Freundin. Ich sah sie heute zum ersten Mal"  Nun war es an mir, erstaunt zu sein. "Du kennst sie nicht? Also, den Eindruck hatte ich überhaupt nicht..." "Aber jetzt kenne ich sie natürlich", belehrte mich Julia.

Und damit hatte sie natürlich recht.

1 Kommentar:

  1. Sehr schön geschrieben! Bei dem Stil wäre doch ein Abenteuerbuch etwas! Toller Eindruck von der Kultur dort!

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